Nervig, nerviger, Nahverkehrsbuchung. Kann One Ticket helfen?

Buchungsfrust statt Reiselust

Ich bin gern und viel unterwegs. Besuche Freunde und Veranstaltungen, sogar Urlaub mache ich gelegentlich. Vor 3 Wochen habe ich das erste Mal Kurzurlaub in einem Wellnesshotel gemacht. Das Hotel war ein Schnäppchen, trotzdem war nicht der Preis, sondern die Nähe zu meinem Wohnort der ausschlaggebende Faktor. Eine lächerliche halbe Stunde S-Bahn fahren trennten mich von Pina Colada, Wellnessbereich und Entspannung. Dabei störe ich mich eigentlich nicht sonderlich am Reisen, finde Bahnfahren sogar beruhigend. Das ich meinen Sommerurlaub bald planen muss, nervt mich trotzdem. Was hat mir das Reisen so verdorben? Kann One Ticket helfen?

Für viele Menschen ist Reisen ein Optimierungsproblem: Preis, Zeit und Komfort müssen anhand der eigenen Zielfunktion maximiert werden. Leider sind die Reisevariablen vielfältig. Ob Flugzeug, Bahn, ÖPNV, Mietwagen, Carsharing, Bikesharing, zu Fuß oder, ganz hanseatisch, mit der Fähre. Viele Wege führen zum Ziel. Nur hat nicht jeder Spaß sein eigener Reiseplaner zu sein. Diese ständige Jagd nach dem besten Ergebnis nervt mich.

One Ticket als Generalschlüssel zur Mobilität

Wenn es Ihnen genauso geht, könnten One Ticket Systeme vielleicht helfen. Das Ticket für alle Wege und alle Verkehrsmittel. One Ticket Anbieter wie Moovel bezeichnen sich selbst als „Mobilitäts-Apps“ und versprechen kurze Strecken und geringe Suchzeiten. Die Plattform vergleicht und kombiniert verschiedene Verkehrsmittel, plant die optimale Route und ermöglicht die Buchung und Bezahlung für den gesamten Weg. Praktisch, oder?

Vorteile von existierenden One Ticket Anwendungen

Moovel ist eine One-Ticket-Lösung.

Einer der größten Vorteile von Diensten wie Moovel ist der Überblick über verschiedene Verkehrsmittel in der eigenen Umgebung (siehe Foto). Ob mytaxi, Car2Go oder Bus-Station. Schnell sehe ich alle verfügbaren Optionen. Wenn Uber in Deutschland noch dazukommen würde, wäre der Reisetraum (fast) perfekt. Auch das einmalige Bezahlen für die gesamte Strecke ist ein Pluspunkt. Statt Münzen für die Busfahrt aus der Tasche zu kramen, kann ich bequem per Zeigefinger über PayPal oder Kreditkarte zahlen. Indem verschiedene Routenoptionen angezeigt werden, lassen sich die Reisefaktoren individuell gewichten. So werden günstigere aber längere Wege ebenso angezeigt wie kürzere und teurere. Einige Erweiterungen, wie Facebook Chat-Bot oder Feinstaubplaner bieten weiteren Mehrwert. Obwohl ich auf der anderen Seite immer etwas skeptisch bin – wer chated wirklich mit einem Chat-Bot? Bei Moovel ist der Feinstaubplaner elegant mit gamification Charakter integriert: An Tagen mit Feinstaubalarm werden 50 % der Fahrten über Moovel Stuttgart via Zufallsgenerator verlost.

Vieles noch auf dem Weg

So ansprechend die Vorstellung einer One Ticket-Welt ist, soweit entfernt sind wir von einer optimalen Anwendung der Technologie. Zum einen fehlen wichtige Mobilitätsanbieter. In Hamburg sind das beispielsweise das Stadtrad, DriveNow oder Cambio. Leider werden die Dienste auch nur in den großen Städten angeboten. Um wirklich eine optimale Reise durch Deutschland planen zu können, muss also noch viel Verhandlungsarbeit geleistet werden. Das Problem verschärft sich dadurch, dass es sich häufig um nicht unabhängige Spin-Offs großer Konzerne handelt. Diese haben wenig Interesse an Coopetition. So ist es nicht verwunderlich, dass Moovel, ein Spin-Off vom Daimler Konzern, kein Interesse an einer Zusammenarbeit mit DriveNow von BMW hat. So lange sich keine unabhängigen Anbieter entwickeln, welche ausreichend Konkurrenz zwischen den verschiedenen Verkehrsunternehmen erzwingen, kann sich der Nutzer nicht darauf verlassen, dass wirklich die besten Preise angeboten werden. Dazu kommt eine weitere bisher ungenutzte Chance: Die Dienste bieten zu wenig smarte Lösungen an. Verkehrsstaus, Umleitungen, Nutzererfahrungen und viele weitere Echtzeitdaten würden erst eine wirklich optimale Reise ermöglichen. Das Ganze gepaart mit weiteren Zaubertricks aus der Big-Data Kiste, wie predictive Analytics, würde ungeahnte Reiseerfahrungen möglich machen. Wenn dann noch autonom fahrende Flotten integriert sind – exzellent! Da häufig die Daten für solche Analysen fehlen, wird dies jedoch noch länger ein Wunschtraum bleiben.

One Ticket – Die Zukunft ruft

Was die Zukunft für Reisende wirklich bereithält, wird nur die Zeit zeigen. Wer sich heute schon für Zukunftsszenarien und bereits realisierte Projekte interessiert, sollte sich das Webinar: „One Ticket: Die Zukunft der Mobilität im Personennahverkehr“ anschauen. Experten wie Boris A. Plaumann berichten über technische Anforderungen und neue Geschäftsmodelle. Für Reisende gibt es „das Rundum-sorglos-Paket“ (SZ) noch nicht, aber Unternehmen wie die Deutsche Bahn oder Daimler befinden sich auf einem Weg, an deren Endpunkt wir alle hoffentlich weniger genervt sind. Das wäre doch mal was.

Julian Staudt ist Head of Marketing and Innovation bei PFG. Er schreibt regelmäßig zu Technologie- und Marketingthemen. Als Moderator und Debattiertrainer hat er eine Vorliebe für kontroversen Meinungsaustausch. Lust auf eine Debatte?

By |11. Januar 2018|Allgemein|Kommentare deaktiviert für Nervig, nerviger, Nahverkehrsbuchung. Kann One Ticket helfen?

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